Ordo Fratrum Minorum Capuccinorum

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updated 8:24 AM CET, Feb 20, 2020

Marianischer Advent

Interview mit Br. Rainer Cantalamessa

„Ohne Flügel kann man nicht fliegen!“ so sagt in einer Paraphrase von Dante Alighieri Br. Rainer Cantalamessa in diesem Interview für den Osservatore Romano. Er erklärt damit das Thema: „Sie fanden das Kind mit Maria, seiner Mutter (Mt 2,11)“. Er hat dieses Thema gewählt für die drei Predigten an den Adventsfreitagen vom 6. Dezember an. Gehalten werden sie in Gegenwart des Papstes in der Kapelle Mutter des Erlösers.

Warum wurden die Predigten der Mutter Gottes gewidmet?

Es ist seit der Zeit des hl. Johannes Paul II, d.h. im Gefolge der Enzyklika Mutter des Erlösers, habe ich der Mutter Gottes keinen Predigtzyklus mehr gewidmet. Mir scheint nun der Augenblick gekommen, Maria von Neuem ins Zentrum unseres Nachdenkens zu stellen, und das in der Kapelle, die nach der hl. Mathilde benannt worden war und im Gefolge der Enzyklika nun Mutter des Erlösers heisst. Aber es gibt noch andere, tiefgründigere Motive. Das ökumenische Klima, in dem wir leben und das verschiedenste Initiativen von Papst Franziskus in Gang gesetzt hat, erlaubt uns, die Mutter Gottes als einen Faktor der Einheit zu verstehen und nicht mehr als Grund der Trennung zwischen den verschiedenen Konfessionen. In meinen Predigten bemühe ich mich, den wesentlichen Kern der Verehrung der Maria herauszuarbeiten; denn er vereinigt alle, die an Christus glauben.

Der Kern besteht darin, dass wir von ihr ausgehend von der Schrift und vom Konzil von Ephesus im Jahr 431, das Maria als „Mutter Gottes“ (Theotokos) verkündet hat, sprechen werden. Dieser Titel umfasst die ganze Grösse Marias und den Grund ihrer Verehrung. In der Enzyklika Mutter des Erlösers legt Johannes Paul II. einen besonderen Akzent auf den Titel „der Erstglaubenden“, sie die „im Glauben vorangegangen“ und „unsere Mutter im Glauben“ ist. Das ist eine Art und Weise zu sprechen, die für unsere protestantischen Brüder nachvollziehbar ist.

Wie können wir unseren Lebensweg gehen und uns dabei von Maria begleiten lasssen?

Die Liturgie des Advent bereitet uns auf Weihnachten vor und stützt sich dabei auf drei Gestalten, Jesaia, Johannes der Täufer und Maria; der Prophet, der seit langer Zeit die Geburt des Emmanuel ankündigt, der Vorläufer, der ihn der Welt ansagt als Lamm Gottes und die Mutter, die ihn in ihrem Schoss getragen hat. Maria ist die einzige, die den Advent nicht gefeiert hat, sie hat den Advent in ihrem Fleisch gelebt. Wie jede schwangere Frau - und sie in einzigartiger Weise in der Geschichte - weiss sie, was es heisst, „in Erwartung“ zu sein. Ihr Blick war mehr in ihr Inneres gewandt als nach aussen; als solche ist sie die lebendige Ikone einer kontemplativen Kirche. Im Lärm eines entfesselten Konsumismus, der unsere Zeit charakterisiert, erinnert Maria die Welt schweigend daran, dass es keine Weihnachten ohne Jesus gibt, dass Weihnachten, das der säkularisierte Westen sich zu feiern anschickt, ein Fest ist, das ohne den Gefeierten auskommt und deswegen ein trauriges Fest sein muss. Die Gesichter der Menschen am Tag nach Weihnachten sind ein lebender Beweis, dass es nicht die Dinge sind, die das Glück des menschlichen Wesens ausmachen. Mit Jesus bringen auch die kleinsten Geschenke Freude über Freude; ohne ihn sind die geschaffenen Dinge wie „Zisternen mit Rissen“, die das Wasser nicht halten. So sagt es der Prophet Jeremia.

Was war die Aufgabe der Maria bei der Geburt der Kirche?

Wir können eine ununterbrochene Tradition, die vor allem in der lateinischen Kirche lebendig war und auf dem 2. Vatikanischen Konzil verkündet wurde, übernehmen und Maria „Gestalt der Kirche“ nennen. Die Kirchenväter haben gelehrt, dass das, was wir von Maria sagen, universal gültig ist von der Kirche und besonders auch von der Seele. Andere Bilder, mit denen sich diese intime Beziehung ausdrücken lässt, sind „erste Zelle der Kirche“ oder „die Kirche in ihrer Entstehung“ oder auch „Spiegel der Kirche“.

Ist der Advent eine marianische Zeit?

Im Zentrum des Advents wie auch zu jeder Zeit des liturgischen Jahres, steht Christus als Mittler zwischen Gott und dem Menschen. Der Advent ist eine christologische und trinitarische Zeit, aber er ist auch mariologisch in dem Sinn, dass das Mysterium der Inkarnation im Zentrum dieser Zeit steht und es sich in Maria verwirklicht. Auch das Wort Gottes, das uns in der Adventszeit und Weihnachtszeit begleitet, sieht sie fast immer als Vorkämpferin. Maria, sagte der hl. Bernhard ist „das Tor, durch das Gott in die Welt eingetreten ist, und Maria ist nun das Tor, durch das wir zu Gott eintreten können“. Wer einen Gnadenerweis begehrt und nicht zu ihr seine Zuflucht nimmt - sagt der Dichter Dante Alighieri - ist ein Träumer, der „ohne Flügel fliegen“ will.

Nicola Gori

Quelle - Osservatore Romano

http://www.osservatoreromano.va/it/news/avvento-mariano

Zum Herunterladen: die Adventspredigten 2019 von Br. Rainer Cantalamessa OFMCap

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Avvento mariano

Letzte Änderung am Donnerstag, 02 Januar 2020 12:31
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